Christian Marquart: Gesamtkunst in Stücken. Hermann Finsterlin in der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart

"Ich teile die Menschen ein in Sadisten, Masochisten und Hedonisten; die letzteren sind die einzig Diskutablen." Dieser Aphorismus des "Gesamtkünstlers" Hermann Finsterlin, der 1973 in Stuttgart gestorben ist und dessen Geburtstag sich 1987 zum hundersten Mal jährte, mag nicht besonders gelungen sein, aber er enthüllt doch einiges vom Wesen dieses mannes und seinem vielschichtigen Werk. Hermann Finsterlin hat ein bißchen Architekturgeschichte gemacht - ohne jemals Architekt geweesen zu sein und ohne je etwas gebaut zu haben. Er trat 1919 mit einigen wundeersamen Architekturentwürfen an die Öffentlichkeit und erregte mit diesen "Traumhäusern" einiges Aufsehen; er nahm an dem berühmten Briefwechsel der "Gläsernen Kette" teil, jenes Zirkels jüngerer Architekten, die Anfang der zwanziger Jahre ohne Bauauftrag waren und sich die Zeit mit theoretischen Diskursen und utopischen Entwürfen vertrieben; er schrieb Gedichte und entwarf Szenarien für Bühnenstücke und Filme, er komponierte und malte. Wäre da nicht seine ausgeprägte hedonistische Neigung gewesen, die verhinderte, daß der unruhige Geist Finsterlin seine Potentiale systematisch nutzte: vielleicht wäre er ja "richtig" berühmt geworden - mehr als ein Geheimtip in den Fußnoten zur expressionistischen Architekturgeschichte der zwanziger Jahre, mehr als ein sozusagen bewußtloser Vorläufer der informellen Malerei, eben mehr als ein origineller Flaneur durch die Kunstdisziplinen.

Die Stuttgarter Jubiläumsausstellung zum hundertsten Geburtstag findet, mit einem Jahr Verzögerung, im Graphischen Kabinett der Alten Staatsgalerie statt. Diese kleine Verspätung wird sicher gern in Kauf genommen werden, denn die Schau beschränkt sich nicht auf die exemplarische Präsentation seines bildnerischen und architektonischen Schaffens, sondern leistet - in Gestalt eines sehr sorgfältig erarbeiteten Kataloges - wichtige Beiträge zur systematischen und wissenschaftlichen Analyse einer künstlerischen
Persönlichkeit, deren Biographie und Wirkung lange Zeit im Ungefähren blieb. Her mann Finsterlin hat dazu nicht unwesentlich beigetragen, indem er mit Angaben zur Person zeitlebens nur sehr sparsam umging und Daten und Fakten höchst willkürlich beziehungsweise nachlässig vertauschte und veränderte. Um den Zeitgenossen ein Bild vom Universalkünstler mit universeller Bildung zu vermitteln, erfand er für seine Biographie zahlreiche Studiengänge (Physik, Chemie, Medizin, Philosophie, Indologie "und so weiter"). Die Homogenität seines Werks und seine "Frühvollendung" wollte er unterstreichen, indem er die zeitliche Ordnung des vres durch willkürliche Datierungen - oder eben durch Nicht-Datierung - erschwerte oder gar unmöglich machte. Nicht zufällig
lautet der Titel des Katalogwerks, das der Stuttgarter Hochschullehrer Reinhard Döhl verantwortet, "Hermann Finsterlin - Eine Annäherung"; der Uberfliegermentalität Finsterlins kommt man nur in akribischer Kleinarbeit bei.

Natürlich liegt der Hauptakzent der Ausstellung, dem universellen Ansatz Finsterlins zum Trotz, auf den Aquarellzeichnungen des Künstlers, die um etliche Modelle ergänzt sind. Finsterlin war, nach heutigem Sprachgebrauch, in seinen jungen Jahren und wohl bis ans Lebensende ein Alternativer: ein Alternativer aus gutem Hause: der sich nie ernsthaft um Broterwerb kümmern mußte und recht unbekümnert seiner weltanschaulichen Neugier und seinem ungerichteten Schaffensdrang frönen konnte. Das Interesse an der Archiektur entwickelte sich wahrscheinlich, wie der Katalog darlegt, aus "panerotischen" Prosaentwürfen im Zusammenhang mit Liebesbriefen an seine spätere Frau Helene. Finsterlin träumt sich in "die Wohnstätte dieser beiden seligsten Menschen dieses Jahrhunderts": Er entwirft Traumhäuser, die deutliche erotische Projektionen sind, aber auch objektiver Ausdruck eines Überdrusses am "Wohnen in den Würfeln". - Als Walter Gropius 1919 im Namen des Arbeitsrats für Kunst eine Aufforderung an junge Architekten ergehen läßt, sich an einer Ausstellung in Berlin zu beteiligen, schickt Finsterlin einige seiner Blätter mit den Traumhäusern ein. Eine positive Rückfrage der Ausstellungsmacher animiert ihn dazu, eine Fülle weiterer phantastischer Architekturen zu skizzieren: Die Ausstellung, die ein Jahr später auch in Weimar gezeigt wird, macht ihn bekannt. Kritiker und Publikum sind erstaunt, überrascht, fasziniert oder auch abgestoßen von diesen unterseeischen Gebilden, die Finsterlin mit schwungvollem, flüchtigem Strich hinaquarelliert; man erkennt in diesen Blättern nicht so sehr einen konkreten Gegenentwurf zur zeitgenössischen Architektur, vielmehr das kulturelle "Alternativprogramm" Finsterlins, das aufs Spielerische und Mythische zielt: New Age in den zwanziger Jahren. Daß Finsterlins Botschaften auch für professionell arbeitende Architekten von Interesse sind, beweisen weitere Ausstellungen und Publikationen sowie Kontakte zum Beispiel mit Erich Mendelssohn, der Finsterlin in seinem Domizil bei Berchtesgaden besucht.

Finsterlins Entwurfmethodik, oder besser: seine Formfindungsprinzipien werden deutlich in der Gegenüberstellung der ausgearbeiteten Architekturskizzen und einer Reihe von "abstrakten", spontan hingeworfenen Blättern, die der Künstler "Farbund Linieninspirationen" nannte und die er als "Ur- und Mutterlauge" für weitere Ausarbeitungen ansah. Reinhard Döhl verweist im Katalog auf die vertane Chance Finsterlins, zu einem der "Erfinder" der informellen Malerei zu werden: Indem der Künstler "den rein malerischen Ansatz durch eine nachträgliche literarische Besetzung seiner abstrakten Unschuld" beraubt habe, sei er sozusagen "rckfällig" geworden; er sei, nicht nur wegen seines begrenzten malerischen Talents, letztlich "zwischen den Ismen" gelandet und habe nach 1926 keine wichtige Arbeit mehr zustande gebracht. Sind Finsterlins märchenhafte Traumhäuser demnach so etwas wie eine "informelle" Architektur? Man muß bezweifeln, daß derartige Begriffsbildungen sonderlich weit tragen. Sicher sind sie aber die interessantesten Elemente des Finsterlinschen "Gesamtkunstwerks", das in seinen Teilen vor uns liegt und das zusammenzufügen der Künstler nicht imstande war: nicht nur der Umstände wegen, sondern weil Finsterlins unsystematisches Denken einer synthetisierenden Vorgehensweise nicht entsprach. Das Publikum der aktuellen Stuttgarter Ausstellung (bis 31. Juli) sollte sich an den Ratschlag eines Kritikers aus den zwanziger Jahren halten, der zu Finsterlins Arbeiten schrieb: "Diese Entwürfe auf ihre praktische Ausführbarkeit zu prüfen oder nach baukünstlerisch-technischen Maßstäben kritisieren zu wollen, erschiene mir verfehlt. Ihr Zweck ist, die Phantasie des Schauenden anzuregen und der des Schaffenden neue Fernsichten, wenn auch vielleicht ins Unerreichbare, zu erschießen."

[Stuttgarter Zeitung, 26. April 1988]