Eduard Mörike
Der Sträfling.
Elegische Balladiere.
Im Kerker zu Stuttgart gedichtet | den 5. Ap. 1837
 
In des Zwingers Mißgerüchen
Fröstelnd sitz' ich da;
Weil man mich der königlichen
Zwiebeln dräuen sah.
 
Denn ich wähnt', es wär' nicht übel,
wenn wir unserem Aquavit*)
Statt gemeiner Zähren=Zwiebel
Zärtern Schmälzling teilten mit.**)
 
Und ich schlich zum Herrscher=Garten,
Wo der Silberstölzling ****) schwimmt,
Wo die Afrikanen*****)schnarrten
Und die Tulpe flimmt.
 
"Ihre Knolle auszuzwarken,
Hilf, O Küpris******, mir!
Niemand wird mir dies verargen,
Niemand lauschet hier!"
 
Und schon bohrt ich auf die Neige,
Und schon gab sie nach,
Als aus nahem Lust=Gezweige
Still ein Bosmann brach.
 
Und ich trat ,mit meinem Zweke
Floskelhaft hervor,
Doch der goldbordierte Reke*******
Wismet' mir kein Ohr. -
 
- Wie notwendig Junge brechen
Aus dem Hühner=Ei,
So folgt jeglichem Verbrechen
Stets die Polizei.
 
In des Zwingers Mißgerüchen
Fröstelnd sitz' ich da;
Weil man mich der königlichen
Zwiebeln dräuen sah.


*) Euphemism, pour Wasser-Soupe.
**) Auch mein Kochwerk anzubessern***),
Pröblings wollt' ich's tun;
Diesen Wissenszweig zu größern,
..Kann mein Geist nicht ruhn.
***) Der Verf. beabsichtigte die Herausgabe eines Kochbuches nach baichenen
Ideen, welches sein Bruder drucken wollte.
****) Der Schwan.
*****) Eine Art ausländischer Enten; sehr schön, aber von häßlichem Geschrei.
******) Göttin der
Botanique.
*******) Altteutsch
pour: Portier.




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